Aus Der Bund vom 2.2.2012

Sportlich überambitionierte Väter

 

Unlängst konnten in unserer Gemeinde Männer in den besten Jahren beobachtet werden, wie sie leicht gehbehindert unterwegs waren, dabei krampfhaft bemüht, den gewohnt federnden Gang beizubehalten. Es wurden auch SMS-Kurzmitteilungen ausgetauscht, in denen von der Tortur des Aufstehens die Rede war, von wimmernden Bauchmuskeln, stöhnenden Kreuzbändern, betonharten Oberschenkeln. Aber sonst ist alles gut gegangen, und das grenzt an ein Wunder. Beim anschliessenden Apéro wirkten alle aufgekratzt, als ob sie gerade mit Anstand eine Wurzelbehandlung überstanden hätten. Keine Paraplegikerfälle für Nottwil, keine schweren Kopfverletzungen für den Insel-Notfall.

 

Was war geschehen? In die Turnhalle hatte der Leichtathletik-Club des Dorfes zum Eltern-Kind-Nachmittag eingeladen. Und eines wollen wir hier gleich vorweg festhalten; Die jahrelange Vernachlässigung des eigenen Körpers, dieses allmähliche Hinübergleiten in den unappetitlichen Zustand einer unförmigen Couch-Potato lasst sich auch mit purer Willensanstrengung nicht einfach für einen Nachmittag rückgängig machen.

 

Vielleicht fehlte mir auch die Erfahrung des Vaki-Turnens, um das ich mich einst erfolgreich gedrückt hatte. Spätestens als mir ein Kollege begeistert erzählte, wie er mit seinem dreijährigen Sohn zusammen den flatternden Vogel und die sich im Dreck walzende Wildsau mache, wusste ich: Diesen Kelch lasse ich an mir vorbeigehen. An diesem Nachmittag in der Turnhalle liessen einige Vater die innere Wildsau von der Leine - die Frauen waren vernünftiger oder hatten sich als Hilfspersonal einteilen lassen. Einige Vater erschienen extravagant kostümiert mit atmungsaktiven Textilien und Hightech-Sportschuhen, andere signalisierten barfuss und mit verwaschenen T-Shirts ironische Distanz zum drohenden Leistungszwang. Obwohl es niemand aussprach, waren sich jedoch alle bewusst, dass vor den eigenen Kindern beim Stafettenlauf, beim Standweitsprung oder beim Teamcross nur volles Engagement möglich war. Eine Mutter vertraute ihrer Nachbarin im Flüsterton an, sie mache sich etwas Sorgen um ihren Mann, der mit seinem Tunnelblick tatsächlich etwas gar ambitioniert wirkte. Der Geist war also hochgradig willig, aber das untrainierte Fleisch konnte seine Schwächen nicht verbergen. Das Drama begann schon beim Einlaufen und bei den Dehnungsübungen. Langsam auf Betriebstemperatur kommen, lautete die Anweisung, doch bereits nach dem Warm-up zwickte es in der Leistengegend. Nachdem wir bei der Stafette den extrem glitschigen Stab zweimal fallen gelassen hatten (die eigenen Kinder hielten sich die Hände vors Gesicht) und beim Standweitsprung unerklärlich kraftlos aus der Ausgangshocke geplumpst waren (die Kinder wiesen enttäuscht daraufhin, dass der 20 Zentimeter kleinere Nachbar 30 Zentimeter weiter gesprungen war), stand als grosses Finale der Teamcross auf dem Programm. Auf diesem Parcours mit diversen Richtungsänderungen quer durch die Halle war nun die Hochsprungmatte die eigentliche Pièce de Résistance, die es möglichst im gestreckten Galopp zu überqueren galt.

 

Natürlich wussten wir theoretisch, dass eine Drosselung des Tempos kurz vor Erreichen der Matte notwendig war, um den drohenden Gleichgewichtsproblemen angesichts einer schwabbeligen Unterlage adäquat begegnen zu können. Diese Einsicht wurde jedoch von geysirmässigen Hormonausschüttungen kurzerhand ertränkt. Es kam, wie es kommen musste. Ehefrauen folgten dem Geschehen mit angehaltenem Atem, als sich ihre Männer mit horrender Geschwindigkeit der Hochsprungmatte näherten, kühn auf eine Temporeduktion verzichteten, auf der Matte mit den Armen herumruderten, in die Luft katapultiert wurden und entweder mit einem Salto oder kopfvoran Richtung Hallenboden flogen. Der Aufprall war hart, die Kinder staunten mit offenen Mündern. Mein Vater, dieser Held! Und wie gesagt, es ist noch einmal alles gut gegangen.

Alexander Sury